Altorientalische Erinnerungskulturen

Projektleitung: Dr. Aaron Schmitt

Altorientalische Erinnerungskulturen. Eine Untersuchung zum Interesse an und zur Bedeutung von Vergangenheit in altorientalischen Gesellschaften ausgehend von der materiellen Kultur (Förderung durch die Thyssen Stiftung seit 10/2015)

Ein Leben ohne Vergangenheit und ohne Bezug zur Vergangenheit ist unmöglich. Wie zur heutigen Zeit, so waren auch die Menschen im Alten Orient ständig von ihrer Vergangenheit umgeben, z. B. durch Bauwerke, Monumente und mobile Objekte. Mit diesen Gegenständen konnten Inhalte individueller und kollektiver Gedächtnisse verbunden sein. Während wir bei der Betrachtung unserer Gegenwart und näheren Vergangenheit die Möglichkeit haben, auch individuelle Erinnerungsvorgänge zum Forschungsgegenstand zu machen, so ist dies für das Altertum im Vorderen Orient weitestgehend unmöglich. Wir können aber auf Basis unterschiedlicher Quellen Aussagen zu den kollektiven „Gedächtnissen“ sozialer Gruppen und Gesellschaften im Alten Orient – und damit verallgemeinernd zu altorientalischer Erinnerungskultur – treffen. Grundsätzliches Anliegen des Projekts „Altorientalische Erinnerungskulturen“ ist eine detaillierte Untersuchung dieses Themenfeldes auf Basis der materiellen Kultur und unter Einbeziehen der relevanten Schriftquellen.

Die Grundlagen des Projekts bilden eine intensive Auseinandersetzung mit den aus unterschiedlichen Disziplinen hervorgegangenen Theorien und Modellen zu Erinnerungskultur und eine breit angelegte Sammlung der einschlägigen Quellen.

Die im Rahmen des Projekts verwendeten Quellen stammen aus Süd- und Nordmesopotamien sowie aus den angrenzenden Regionen SW-Iran, SO-Türkei, Syrien und Libanon. Behandelt werden die historischen Epochen der altorientalischen Kulturen vom Beginn des 3. Jts. bis zur Mitte des 1. Jts. v. Chr., also von der älterfrühdynastischen bis zur spätbabylonischen Zeit. Wegen der großen Materialfülle werden zwei Themengebiete schwerpunktmäßig behandelt: Erinnerungskulturen in Babylonien während der Kassitenzeit sowie in Assyrien im 2. und 1. Jt. v. Chr. Dabei steht die Untersuchung von Erinnerungskulturen der elitären sozialen Gruppen im Mittelpunkt des Projekts, weil die zur Verfügung stehenden Quellen zum überwiegenden Teil über diese Eliten informieren. Drei Fragen stehen im Zentrum der Untersuchung: Welche Inhalte (Ereignisse, Personen) werden in die kollektiven Gedächtnisse altorientalischer Gesellschaften aufgenommen bzw. wieder davon ausgeschlossen? Wie entwickelt und verändert sich der Umgang mit Zeugnissen aus der Vergangenheit im Alten Orient? Warum beziehen sich altorientalische Gesellschaften auf die Vergangenheit?

Die Beantwortung dieser Fragen vor dem jeweiligen kulturhistorischen Kontext erlaubt eine zeitlich und räumlich differenzierte Betrachtung und Analyse altorientalischer Erinnerungskultur.

© Trustees of the British Museum.

© Trustees of the British Museum.

Das hier abgebildete Foto zeigt das sog. ‚Cruciform monument‘, das bei Ausgrabungen in der südmesopotamischen Stadt Sippar gefunden wurde und sich heute im British Museum befindet. Die auf dem Objekt angebracht Inschrift datiert der Paläographie und dem Inhalt nach scheinbar in die Akkad-Zeit (ca. 2350 bis 2100 v. Chr.). Tatsächlich handelt es sich aber um eine Fälschung, die in der spätbabylonischen Zeit (6 Jh. v. Chr.) angefertigt wurde (vgl. Powell, ZA 81, 1991, 20–30). Darauf lassen mehrere inhaltliche Ungereimtheiten und der Fundort schließen. Vermutlich wurde das Objekt von Tempelbediensteten angefertigt, die vom babylonischen Herrscher eine bessere Ausstattung ihres Heiligtums verlangten und sich dabei auf Bestimmungen aus altehrwürdiger Zeit berufen wollen konnten. Dies setzte aber voraus, dass man sich an diese weit zurückliegende Vergangenheit (ca. 1500 Jahre) erinnerte und ihr immer noch eine Relevanz für die Gegenwart zumaß. Das Beispiel veranschaulicht auf besonders eindrucksvolle Weise, welche Bedeutung die Vergangenheit im Alten Orient erhalten konnte.